In der am 17. Juni herausgegebenen Ausgabe der OTZ las ich einen Beitrag der nicht nur
mich, sondern wohl auch einen relativ großen Teil der Leser –
jedenfalls jener Leser, die gerade in der Schulzeit sind oder jene
gerade hinter sich gebracht haben – ansprach: Da schrieb eine
Abiturientin ihre Meinung darüber aus, welch grausamer Ort die
Schule für sie gewesen ist. Es werde gar nicht versucht, ein Talent
beim Schüler zu entwickeln viel mehr werde darauf hingewirkt, dass
ein Monotones auswendig-lernen zum Schul- und Studienerfolg und somit
zur sozialen Absicherung führt. Die meisten Schüler haben wohl auch
sicher eine große Freude mit diesem Beitrag gehabt: Da spricht eine,
die es geschafft hat, die ein Abitur in der Tasche hat und trotzdem
von der Angst berichtet. Und sie kritisiert das geläufige
Schulsystem immerhin unter Zuhilfenahme einer beeindruckenden
Rhetorik, was den Leser wohl oder übel auf einen gewissen Intellekt
schließen lässt. Aber wo kommt der denn nur her? Ich vermute ja
latent, dass sie eben diese Wortgewandtheit nicht dadurch erlangt
hat, dass sie sich aus purem Interesse in ihrer Freizeit mit der
Vielzahl der Möglichkeiten der deutschen Grammatik beschäftigt hat,
sondern weil sie diese auf die eine oder andere Art und Weise in der
Schule hat angelernt bekommen.
Man muss mit
Beiträgen wie dem von Frau Riedel sehr vorsichtig umgehen. Ebenso
wie mit meiner Meinung dazu. Denn die Beiträge sind bewusst
emotional verfasst. Da ist diese Toilette in der Schule, in der man
sich täglich einschließt um zu weinen. Man sieht zu wie alle unter
dem Lernstress zerbrechen oder wie andere sogar ganz aufgeben.
Furchtbare Eindrücke sicherlich, die gewisser Weise sicherlich
überall vorkommen. Aber ist die Schulzeit wirklich so schlecht? Ist
da wirklich nichts weiter als der immer wieder stupide Ablauf
Lernen-Schreiben-Vergessen? Ich persönlich habe ganz andere
Erfahrungen gemacht und bin auch der Meinung, dass – auch wenn das
nicht alle wahr haben wollen oder gar öffentlich zugeben wollen –
jeder in der Schule auch wichtige Erfahrungen fürs Leben gelernt
hat. Die Schule weckt Interessen. Hin und wieder muss man eben erst
zu etwas gezwungen werden, bevor man merkt, wie sehr es einen
Interessiert. Bei mir ist es Beispielsweise in Geschichte so gewesen.
Ich kenne das von Frau Riedel beschriebene Gefühl „Alles was ich
mache, mache ich für das System“ sehr gut. Ich kenne die
Gedankenansätze wie „was mich wirklich interessiert, lerne ich
hier niemals“ ebenfalls sehr gut. Und das Gefühl hatte ich eben
auch in Geschichte sehr oft. Da lernt man in den ersten 3 Jahren fast
nur Jahreszahlen. Kaum Zusammenhänge im besten Fall betrachtet man
einzelne Epochen etwas genauer. Und dann auf einmal hatte ich so
einen „Klick“ Effekt und ich verstand auf einmal so viele
Zusammenhänge konnte beispielsweise die Emotionen empfinden bei den
ersten Versuchen des deutschen Volkes eine eigene Nation zu
Begründen. Die Grundlagen, in den ersten Jahren mühselig angelernt
geben mir jetzt erst die Möglichkeit mich in ein so komplexes
Themengebiet einzufinden. Neben mir in Geschichte sitzt ein Typ, den
das nicht interessiert. Er lernt auswendig, statt sich mit den
komplexeren Strukturen zu befassen – kriegt trotzdem seine
Bewertung „gut“ Der ist dafür in Fächern wie Physik begeistert,
was mir hingegen Fern liegt.
Es ist doch
überhaupt nicht die Aufgabe der Schule mich persönlich komplett zu
bedienen. Es geht nicht darum, dass ich daran gebunden bin, meinen
Weg bereits in der Schule zu bestimmen. Es geht darum mir die
verschiedensten Bereiche des Weltgeschehens nahe zu bringen, dass ich
erkennen kann, was mir wirklich liegt und was ich später in der Welt
machen will. Im Artikel wird bemängelt, dass man nicht mit Fragen
konfrontiert wird, die noch keine eindeutige Antwort gefunden haben.
So wie ich das sehe, trifft das nicht einmal zu. Wer so etwas
behauptet, war eventuell nicht Aufmerksam genug, oder hat es nicht
einmal Versucht, solche Fragen zu finden. Mir persönlich fällt da
die typische Schuldfrage des ersten Weltkrieges ein. In der Physik
gäbe es wohl auch noch eine menge ungeklärter Themen – Etwa die
Konstruktion zur präzisen Ermittlung der Gravitationskonstante. Dass
Ethik, Religion, Sozialkunde oder Psychologie ebenfalls nicht
eindeutig gelöste Fragen aufwerfen, muss hoffentlich nicht weiter
ausgeführt werden. Jedes Stoffgebiet hat solche Fragen und in der
Regel weisen Lehrer auch darauf hin. Es ist die Aufgabe des Schülers
sich am Unterricht so zu beteiligen, dass er sich eine eigene Meinung
und Position daraus bilden kann. Klar gibt es Themen, bei denen man
viel lernen muss. Der Aufbau der DNA wäre wohl so ein Beispiel, wo
jedes Molekül theoretisch noch kleiner zerlegt werden könnte, bis
man die Wasserstoffbrücken beschreibt als ein Wirrwarr aus
Elektronen und Protonen sonder Zahl. Aber das liefert wiederum die
Grundlage um über viel größeres zu diskutieren. Weit geführte
Debatten über Gentechnik ergeben doch erst dann Sinn, wenn man
irgendwo einen Überblick hat, wie so etwas funktioniert. Aber
niemand wird gezwungen, weite Debatten über Gentechnik zu führen.
Man kann auch etwas auswendig lernen und gleich wieder vergessen,
solang man seine Lieblingsgebiete hat solang man eine Leidenschaft
für irgendein Thema der Schule entwickeln kann. Und der Behauptung,
dass dem nicht so ist fehlt zweifelsfrei jegliche Grundlage: Werden
doch Sprachen, Natur- und Geisteswissenschaften, Sportarten und
Künste allesamt gelehrt.
Ferner kann ich
dementieren, dass man nur mit einem guten Abitur eine gute
Arbeitsstelle erhält oder soziale Absicherung. Das sollte so auch
von der Schule nicht suggeriert werden. Wer ein abgesichertes Leben
führen will, braucht nicht zwangsläufig einen guten Abschluss –
gleichwohl ist auch ein guter Abschluss kein Garant dafür, dass man
ein abgesichertes Leben führen kann – viel mehr geht es darum,
dass man seine Interessen, die man in der Schule oder während der
Schulzeit gefunden hat, ausarbeitet und sich in dem weiterentwickelt,
was individuell als wichtig erachtet wird. Man kann beispielsweise
auch mit nachgeholtem Fachabitur entsprechend seinen Berufswunsch
erfüllen und sozial abgesichert eine Existenz und eine Familie
Gründen.
Was einem nicht zu
einer abgesicherten Zukunft verhilft, ist das gelernte zu verrufen
und die Schule, die einem so viel gibt oder zu geben hat, in den
Dreck zu ziehen. Es bringt weder der Autorin noch den Lesern des
Artikels etwas, eine derart kritische Herangehensweise an das
Schulwesen zu pflegen. Eine Kritik gegen das System, ohne Aussicht
auf Verbesserung. Sicherlich ist die Schule nicht perfekt. Für
niemanden. Aber das macht sie auch nicht komplett schlecht. Dieser
Artikel zeigt auf keine Richtung, die zu gehen sei, er liefert keinen
Blick für Alternativen. Das lädt den Leser förmlich dazu ein, sich
mit Frau Riedel in ihre Toilette zu stellen und darüber zu weinen,
wie schrecklich die Gesellschaft ist und dem Untergang geweiht. Ich
bin der Meinung: Das ist die Falsche Herangehensweise. Man sollte
sich nicht dazu verleiten lassen nur alles schlechte an der Schule zu
beleuchten sondern sich auch das ein oder andere mal besinnen auf
das, was die Schule einem gebracht hat, welche Wege man nun im
eigenen Leben erschließen kann, welche Interessen in der Schulzeit
geweckt und gefördert wurden. Aus den gesammelten Erfahrungen und
der entwickelten Intellektualität ergibt sich sich der Sinn des
Schulwesens.
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