Samstag, 17. Juni 2017

Wider dem Blockadedenken!

In der am 17. Juni herausgegebenen Ausgabe der OTZ las ich einen Beitrag der nicht nur mich, sondern wohl auch einen relativ großen Teil der Leser – jedenfalls jener Leser, die gerade in der Schulzeit sind oder jene gerade hinter sich gebracht haben – ansprach: Da schrieb eine Abiturientin ihre Meinung darüber aus, welch grausamer Ort die Schule für sie gewesen ist. Es werde gar nicht versucht, ein Talent beim Schüler zu entwickeln viel mehr werde darauf hingewirkt, dass ein Monotones auswendig-lernen zum Schul- und Studienerfolg und somit zur sozialen Absicherung führt. Die meisten Schüler haben wohl auch sicher eine große Freude mit diesem Beitrag gehabt: Da spricht eine, die es geschafft hat, die ein Abitur in der Tasche hat und trotzdem von der Angst berichtet. Und sie kritisiert das geläufige Schulsystem immerhin unter Zuhilfenahme einer beeindruckenden Rhetorik, was den Leser wohl oder übel auf einen gewissen Intellekt schließen lässt. Aber wo kommt der denn nur her? Ich vermute ja latent, dass sie eben diese Wortgewandtheit nicht dadurch erlangt hat, dass sie sich aus purem Interesse in ihrer Freizeit mit der Vielzahl der Möglichkeiten der deutschen Grammatik beschäftigt hat, sondern weil sie diese auf die eine oder andere Art und Weise in der Schule hat angelernt bekommen.
Man muss mit Beiträgen wie dem von Frau Riedel sehr vorsichtig umgehen. Ebenso wie mit meiner Meinung dazu. Denn die Beiträge sind bewusst emotional verfasst. Da ist diese Toilette in der Schule, in der man sich täglich einschließt um zu weinen. Man sieht zu wie alle unter dem Lernstress zerbrechen oder wie andere sogar ganz aufgeben. Furchtbare Eindrücke sicherlich, die gewisser Weise sicherlich überall vorkommen. Aber ist die Schulzeit wirklich so schlecht? Ist da wirklich nichts weiter als der immer wieder stupide Ablauf Lernen-Schreiben-Vergessen? Ich persönlich habe ganz andere Erfahrungen gemacht und bin auch der Meinung, dass – auch wenn das nicht alle wahr haben wollen oder gar öffentlich zugeben wollen – jeder in der Schule auch wichtige Erfahrungen fürs Leben gelernt hat. Die Schule weckt Interessen. Hin und wieder muss man eben erst zu etwas gezwungen werden, bevor man merkt, wie sehr es einen Interessiert. Bei mir ist es Beispielsweise in Geschichte so gewesen. Ich kenne das von Frau Riedel beschriebene Gefühl „Alles was ich mache, mache ich für das System“ sehr gut. Ich kenne die Gedankenansätze wie „was mich wirklich interessiert, lerne ich hier niemals“ ebenfalls sehr gut. Und das Gefühl hatte ich eben auch in Geschichte sehr oft. Da lernt man in den ersten 3 Jahren fast nur Jahreszahlen. Kaum Zusammenhänge im besten Fall betrachtet man einzelne Epochen etwas genauer. Und dann auf einmal hatte ich so einen „Klick“ Effekt und ich verstand auf einmal so viele Zusammenhänge konnte beispielsweise die Emotionen empfinden bei den ersten Versuchen des deutschen Volkes eine eigene Nation zu Begründen. Die Grundlagen, in den ersten Jahren mühselig angelernt geben mir jetzt erst die Möglichkeit mich in ein so komplexes Themengebiet einzufinden. Neben mir in Geschichte sitzt ein Typ, den das nicht interessiert. Er lernt auswendig, statt sich mit den komplexeren Strukturen zu befassen – kriegt trotzdem seine Bewertung „gut“ Der ist dafür in Fächern wie Physik begeistert, was mir hingegen Fern liegt.

Es ist doch überhaupt nicht die Aufgabe der Schule mich persönlich komplett zu bedienen. Es geht nicht darum, dass ich daran gebunden bin, meinen Weg bereits in der Schule zu bestimmen. Es geht darum mir die verschiedensten Bereiche des Weltgeschehens nahe zu bringen, dass ich erkennen kann, was mir wirklich liegt und was ich später in der Welt machen will. Im Artikel wird bemängelt, dass man nicht mit Fragen konfrontiert wird, die noch keine eindeutige Antwort gefunden haben. So wie ich das sehe, trifft das nicht einmal zu. Wer so etwas behauptet, war eventuell nicht Aufmerksam genug, oder hat es nicht einmal Versucht, solche Fragen zu finden. Mir persönlich fällt da die typische Schuldfrage des ersten Weltkrieges ein. In der Physik gäbe es wohl auch noch eine menge ungeklärter Themen – Etwa die Konstruktion zur präzisen Ermittlung der Gravitationskonstante. Dass Ethik, Religion, Sozialkunde oder Psychologie ebenfalls nicht eindeutig gelöste Fragen aufwerfen, muss hoffentlich nicht weiter ausgeführt werden. Jedes Stoffgebiet hat solche Fragen und in der Regel weisen Lehrer auch darauf hin. Es ist die Aufgabe des Schülers sich am Unterricht so zu beteiligen, dass er sich eine eigene Meinung und Position daraus bilden kann. Klar gibt es Themen, bei denen man viel lernen muss. Der Aufbau der DNA wäre wohl so ein Beispiel, wo jedes Molekül theoretisch noch kleiner zerlegt werden könnte, bis man die Wasserstoffbrücken beschreibt als ein Wirrwarr aus Elektronen und Protonen sonder Zahl. Aber das liefert wiederum die Grundlage um über viel größeres zu diskutieren. Weit geführte Debatten über Gentechnik ergeben doch erst dann Sinn, wenn man irgendwo einen Überblick hat, wie so etwas funktioniert. Aber niemand wird gezwungen, weite Debatten über Gentechnik zu führen. Man kann auch etwas auswendig lernen und gleich wieder vergessen, solang man seine Lieblingsgebiete hat solang man eine Leidenschaft für irgendein Thema der Schule entwickeln kann. Und der Behauptung, dass dem nicht so ist fehlt zweifelsfrei jegliche Grundlage: Werden doch Sprachen, Natur- und Geisteswissenschaften, Sportarten und Künste allesamt gelehrt.

Ferner kann ich dementieren, dass man nur mit einem guten Abitur eine gute Arbeitsstelle erhält oder soziale Absicherung. Das sollte so auch von der Schule nicht suggeriert werden. Wer ein abgesichertes Leben führen will, braucht nicht zwangsläufig einen guten Abschluss – gleichwohl ist auch ein guter Abschluss kein Garant dafür, dass man ein abgesichertes Leben führen kann – viel mehr geht es darum, dass man seine Interessen, die man in der Schule oder während der Schulzeit gefunden hat, ausarbeitet und sich in dem weiterentwickelt, was individuell als wichtig erachtet wird. Man kann beispielsweise auch mit nachgeholtem Fachabitur entsprechend seinen Berufswunsch erfüllen und sozial abgesichert eine Existenz und eine Familie Gründen.

Was einem nicht zu einer abgesicherten Zukunft verhilft, ist das gelernte zu verrufen und die Schule, die einem so viel gibt oder zu geben hat, in den Dreck zu ziehen. Es bringt weder der Autorin noch den Lesern des Artikels etwas, eine derart kritische Herangehensweise an das Schulwesen zu pflegen. Eine Kritik gegen das System, ohne Aussicht auf Verbesserung. Sicherlich ist die Schule nicht perfekt. Für niemanden. Aber das macht sie auch nicht komplett schlecht. Dieser Artikel zeigt auf keine Richtung, die zu gehen sei, er liefert keinen Blick für Alternativen. Das lädt den Leser förmlich dazu ein, sich mit Frau Riedel in ihre Toilette zu stellen und darüber zu weinen, wie schrecklich die Gesellschaft ist und dem Untergang geweiht. Ich bin der Meinung: Das ist die Falsche Herangehensweise. Man sollte sich nicht dazu verleiten lassen nur alles schlechte an der Schule zu beleuchten sondern sich auch das ein oder andere mal besinnen auf das, was die Schule einem gebracht hat, welche Wege man nun im eigenen Leben erschließen kann, welche Interessen in der Schulzeit geweckt und gefördert wurden. Aus den gesammelten Erfahrungen und der entwickelten Intellektualität ergibt sich sich der Sinn des Schulwesens.

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