Sonntag, 18. Juni 2017

Armin Kaster: Ich hab schon über 500 Freunde!

Zufall. Der Zufall wirft einen immer wieder vor die merkwürdigsten Schnipsel der Kunst. In diesem Fall bin ich zufälligerweise mit dem Werk des Armin Kaster „Ich habe schon über 500 Freunde“ zusammengekommen. Im Jahr 2012 als K.L.A.R. (KLAR steht für „Kurz. Leicht. Aktuell. Real.“ wirklich. Das imponiert selbst mir, von diesen Abkürzungsmöglichkeiten könnte selbst ich etwas lernen. Dann steht G-E-SCH-MA-C-K-L-O-S ab jetzt für „Gegenwärtig extrovertierter Schlaumeier macht coole Kritiken: Labern ohne Sinn“) Taschenbuch erschienen und wird einem heute für etwa fünf Euro hinterhergeworfen. Aufgrund des niedrigen Preises oder des doch geringen Umfanges des Buches – bei außerdem sehr relevanter Thematik – hat sich dieses Buch wohl einen Platz in der Schulliteratur verschafft. Empfohlen für Kinder ab 12 Jahren – die Jahrgangsstufe 7 meines alten Gymnasiums hatte jedenfalls zuletzt die Ehre, sich damit zu beschäftigen. So traf es dieses Jahr auch meine kleine Schwester, die sich mit der fabelhaft konstruierten Geschichte von Armin Kaster auseinandersetzen durfte.
So entschied der Zufall, dass ich auch einen Blick in das Werk wagte. Ich muss gestehen, ich wurde aus dem Umstand heraus, dass meine Schwester das Werk bereits erarbeitet hatte und damit alles andere als zufrieden war, bereits beeinflusst und hatte gar nicht die Möglichkeit, das Werk neutral zu betrachten. Was mir allerdings höchstwahrscheinlich nach dem ersten Blick ins Buch schwer fallen würde: Die Schriftgröße und der Zeilenabstand erinnerten mich ein wenig an meine Lesefibel aus der ersten Klasse – gut, das ist etwas überzogen. Aber ich denke ein Zweitklässler wäre mit der Schriftgröße bereits sehr gut bedient. Wie auch immer. Man sollte ein Werk niemals auf seine äußeren Werte beschränken – obwohl es sicher auch nicht gut ist, sich lediglich auf die inneren Werte zu konzentrieren. Das ist eben das Besondere an meinem Blog: Ich mache beides. Und ich schweife ab. Mehrmals. Zurück zum Werk:
Im Deutschunterricht habe ich gelernt, dass es bei Zusammenfassungen von literarischen Werken eine klarer Struktur gibt, die einzuhalten ist. Ich bin so froh, dass ich mich jetzt bewusst nicht danach richte. Um kurz die Handlung zu erklären geht es um ein junges Mädchen, Alina, welches mit ihrer Familie aus ihrer Heimatstadt Köln wegzieht nach Hamburg. Da sie den Kontakt mit all ihren alten Freunden beibehalten will, erstellt sie sich auf Anraten ihres Bruders Ben einen Facebook Account und bleibt auf diese Weise mit ihren alten Freundinnen in Verbindung. Noch gequält vom Abschiedsschmerz fällt es ihr sehr schwer in der neuen Klasse in Hamburg Freundschaften zu schließen, sie zieht sich zurück und pflegt lieber den Kontakt mit ihren alten Freundinnen. Mit der Zeit findet sie eine stetig wachsende Freude an dem sozialen Netzwerk und beginnt ein Verlangen danach zu entwickeln, mehr und mehr facebook likes zu bekommen. In den Sommerferien kommt sie auf die Idee so viele Freundschaftsanfragen zu stellen wie möglich. Auch an Leute, mit denen sie privat gar nicht befreundet ist. Nach relativ kurzer Zeit bemerkt sie jedoch, dass sie zwar immer Anfragen verschickt, die meist auch akzeptiert werden, jedoch selbst äußerst selten Anfragen zugesendet bekommt. Daraufhin fasst Alina den Beschluss, interessantere Inhalte zu veröffentlichen, indem sie freizügige Fotos von sich veröffentlicht. Um viele Likes zu erhalten kommentiert sie ihre Fotos mit Aufforderungen wie „Bei 50 Likes gibt es ein weiteres Foto!“ Ihr Plan geht auf: Nach wenigen Minuten gab es die ersten Likes, sowie auffordernde Kommentare von Nutzern, die sie nicht kennt, mehr Haut zu zeigen. Im Rausch der Aufmerksamkeit kommt Alina diesen Aufforderungen nach und distanziert sich immer mehr von ihren alten Freundinnen. Alinas Eltern haben keine Ahnung, wie sich Alina im Internet darstellt. Dennoch führt die Isolation immer wieder zu Konflikten mit der daraufhin schlecht gelaunten Mutter sowie mit dem irritiertem Vater, der jedoch zunächst davon ausgeht, dass die Fotos auf Alinas PC nicht Alina zeigen, sondern irgendwelche Models. Nach einer Weile spitzt sich die Situation immer weiter zu, Alina postet Bilder von sich, in welcher sie halbnackt lediglich in Unterwäsche bekleidet ist und schmierige Typen schreiben noch schmierigere Kommentare. Alina fühlt sich in ihrer Position sehr wohl: Sie hat noch nie Erfahrungen mit Aufmerksamkeit in diesem großen Stil sammeln können und genießt es, so viele positive Kommetare zu erhalten. Eines Tages jedoch kommentiert ein Mädchen aus ihrer neuen Klasse einen hasserfüllten Kommentar unter Alinas Bild – und dem Kommentar folgen dutzende weitere von anderen Klassenkameraden. Die Bilder von Alina kursieren nun in ihrem direkten Umfeld, sie kann sich nicht mehr davor verstecken: Alle Leute an ihrer neuen Schule werden die Bilder gesehen haben, wenn die Sommerferien vorbei sind. Auch werden viele Eltern auf Alinas Bilder aufmerksam und kontaktieren daraufhin Alinas Lhererin, welche wiederum einen Hausbesuch bei Alina einleitet um die Situation zu regeln. Alina löscht ihren Facebook account und bekommt anschließend die Möglichkeit, eine andere Schule zu besuchen. Dort macht sie dann alles besser, pflegt soziale Kontakte und baut auch wieder Kontakt zu ihren alten Freundinnen auf. Die Geschichte Endet mit einem sehr optimistischen Happy End.
Soweit die Handlung (grob angerissen) Ich persönlich bin davon wenig überwältigt gewesen. Die Hauptlektion des Werkes sollte wohl sein „Das Internet vergisst nichts“ jedenfalls wird der Satz in dem gesamten Werk etwa 23 mal erwähnt (Nein, ich habe nicht gezählt. Wer es zählen will… der sollte es vielleicht lieber lassen und sich stattdessen mit Interessanteren Dingen beschäftigen..) Daraus ließe sich immerhin eine wichtige Maxime ableiten: „Poste nichts, von dem du nicht wollen würdest, dass die ganze Welt es sieht“ dass „das Internet nichts vergisst“ ist eine durchaus wichtige Lektion, die einen davor bewahren sollte, unsinnigen Stuss oder eben erotisch geladene Inhalte von sich zu veröffentlichen. Aber durch das Ende, in welchem Alina „begnadigt“ wird und eine „zweite Chance“ bekommt, wird suggeriert dass man eben doch vor dem Internet weg rennen kann und dass früher oder später eben doch „Gras über die Sache wachsen wird“ Auch wenn das ebenfalls stimmt stellt sich doch die Frage, was der Autor mit dem Ende erreichen wollte. Der Herr Kaster hat hier auf der einen Seite eine herrlich absurde Situation kreiert, in welcher der fatale Umgang mit sozialen Medien mehr als nur dramatisiert dargestellt wird. Die gesamte Situation wirkt ohnehin schon beim Lesen so unglaubwürdig konstruiert. Als allererstes die Alliteration Familie: Die mürbe Mutter, der verwirrte Vater, der Bruder Ben und die abhängige Alina – rund um Facebook-Freundschaften (nun gut, das ist vielleicht weit hergeholt) und dann die naivität aller beteiligten, die Überhaupt erst zu dem Desaster führten: Der Vater, der so naiv ist zu glauben, dass die Fotos auf dem PC von Alina, die sein Haus und seine Tochter zeigen, ebenso eine fremde Person, die seiner Tochter nur zufällig sehr ähnlich sieht, in einem fremden Haus, das seinem nur zufällig exakt gleicht, zeigen könnten. Der Bruder, den es offenkundig nicht interessiert, dass sich Alina zunehmend von ihm distanziert und ihm auch die Facebook-Freundschaft kündigt und die Mutter, die zwar durchaus bemerkt, dass sich Alina komisch verhält den ganzen tag nur am PC sitzt und allgemein isoliert, aber dennoch nichts großes dagegen Unternimmt oder wenigstens Nachforschungen anstellt.
Dann ist da das Problem überhaupt. Die so drastisch dargestellte Naivität von Alina (obwohl ich langsam fürchte, dass es derartiges Denken tatsächlich in so manchen Köpfen gibt), die sich immer mehr für positive Resonanz prostituiert, Selbstgespräche führt und bei vollem Ernst vor ihrem PC sitzt und sich sagt: „genau so habe ich es gewollt“ wenn schmierige Typen mit „GEIL MEHR DAVON“ kommentieren. Algemein lässt sich zu den Kommentaren unter den Bildern von Allina sagen, dass sie sich nach einigen Kapiteln allesamt ähneln – Dem Herrn Kaster ist wohl nach geraumer Zeit einfach nicht mehr Schleim eingefallen (was prinzipiell für ihn oder zumindest für seine Menschlichkeit spricht)
Und wie bereits erwähnt fehlt der gesamten Geschichte durch das unrealistische Ende auch noch die Lehre. Anbei bemerkt ist es wohl zunächst völlig abwegig, dass das Wechseln der Schule dazu führt, dass alle Aktivitäten vergessen werden. Das sollte Herr Kaster auch wissen, immerhin hat er selbst mehrmals geschrieben, dass Personen aus ganz Deutschland die Beiträge von Alina gesehen haben – und nicht nur die Personen aus Alinas Schule. Aber stellen wir den Realitätsfaktor mal dahin (was bei diesem Werk wohl ohnehin bitter nötig ist) und versuchen eine Lehre aus dem Werk zu ziehen. Da ist auf der einen Seite das Problem: „Das Internet Vergisst nicht“, was eigentlich darauf hinarbeitet, dass man mit Vernunft und Vorsicht posten sollte und sich mit den eigenen Veröffentlichungen irgendwie identifizieren können soll. Sollte man dennoch einmal etwas unklug gepostet haben, sollte man alles daran setzen, sich damit zu arrangieren und die veröffentlichungen in ein besseres Licht zu rücken. Stattdessen entscheidet sich Kaster dafür, Alina doch abtauchen lassen zu können und lässt sie ein Leben unbeirrt von ihren Fehlern führen. Für mich persönlich ist das etwas fragwürdig.
Ebenso fragwürdig erscheint mir überhaupt die Notwendigkeit des gesamten Werkes als Element des Schulunterrichtes. Ich vertrete im Allgemeinen die Meinung: „Jedes Stück Schrift hat seinen Platz.“ Ich glaube aber, dass der Platz dieses Werkes wohl eher noch gefunden werden muss. Die pädagogischen Inhalte wurden viel zu klar reagiert. Ich weiß aus erster Hand: Pädagogische Werte können einen Schüler auf diese Weise gar nicht erreichen. Jedenfalls nicht die Vielzahl der Schüler, die dadurch angesprochen wird. Die Idee, dass man sich selbst treu bleiben soll, wird ja bereits seit hunderten von Jahren in durchaus viel anschaulicherer Literatur verarbeitet. Zu meiner Zeit in der siebten Klasse haben wir „Tintenherz“ von Cornelia Funke durchgearbeitet. Klar, das hatte etwas mehr als 150 Seiten und klar, es hat auch etwas mehr als 5€ gekostet. Dafür war die Lehre auch etwas größer als: „Pass auf was du tust – obwohl letzten Endes kannste dich immer davor verstecken“ Was es dieser Unterschied Wert ist, liegt im schlimmsten Fall wohl in der Begutachtung des entsprechenden Deutschlehrers.
Abschließend möchte ich betonen, dass sowohl ich als auch meine Schwester eine Menge Spaß mit dem Werk haben konnten. Man muss nur alles daran setzen, den so schlecht konstruierten Ernst aus der Geschichte zu nehmen, wie es nur möglich ist. Spricht man den Bruder wie einen Macker, die Eltern etwas Sächsisch, die Lehrerin wie die Böse Hexe des Ostens aus dem Musical „Zauberer von Oz“ und abstrahiert man die gesamte Geschichte durch beifällige Bemerkungen dann geht zwar der konstruierte „Sinn“ der Geschichte verloren – man erhält jedoch im Gegenzug dazu eine furchbar amüsante Komödie.
Fazit: „Ich habe schon über 500 Freunde!“ ist ein exemplarisches Beispiel für Schulliteratur, die Schüler schlichtweg nervig finden. Deshalb, weil es so unglaublich offensichtlich konstruiert ist, dadurch dass alle Situationen und Gespräche so leblos naiv gestaltet werden und dadurch, dass der Bildungsauftrag so fürchterlich offensichtlich plakativ dargestellt ist. Die ersten Suchvorschläge von Google bei dem Stichwort »Ich habe schon über 500 Freunde« weisen auf Zusammenfassungen, Inhaltsangaben und Arbeitsblätter mit samt Lösung. Bei dem oben bereits angeführten „Tintenherz“ bekommt man als Ergänzung „Buch“ „Film“ und „Teil 2“ vorgeschlagen.
Bei dem Pizza und Dönerladen hier gleich in der Nähe bekomme ich für 5€ eine kleine Pizza Salami. Ich behaupte: Das K.L.A.R - Taschenbuch kann es damit nicht auf sich nehmen.

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