Zufall. Der Zufall wirft einen immer wieder vor
die merkwürdigsten Schnipsel der Kunst. In diesem Fall bin ich
zufälligerweise mit dem Werk des Armin Kaster „Ich habe schon über
500 Freunde“ zusammengekommen. Im Jahr 2012 als K.L.A.R. (KLAR
steht für „Kurz. Leicht. Aktuell. Real.“ wirklich. Das imponiert
selbst mir, von diesen Abkürzungsmöglichkeiten könnte selbst ich
etwas lernen. Dann steht G-E-SCH-MA-C-K-L-O-S ab jetzt für
„Gegenwärtig extrovertierter Schlaumeier macht coole Kritiken:
Labern ohne Sinn“) Taschenbuch erschienen und wird einem heute für
etwa fünf Euro hinterhergeworfen. Aufgrund des niedrigen Preises
oder des doch geringen Umfanges des Buches – bei außerdem sehr
relevanter Thematik – hat sich dieses Buch wohl einen Platz in der
Schulliteratur verschafft. Empfohlen für Kinder ab 12 Jahren – die
Jahrgangsstufe 7 meines alten Gymnasiums hatte jedenfalls zuletzt die
Ehre, sich damit zu beschäftigen. So traf es dieses Jahr auch meine
kleine Schwester, die sich mit der fabelhaft konstruierten Geschichte
von Armin Kaster auseinandersetzen durfte.
So entschied der Zufall, dass ich auch einen Blick
in das Werk wagte. Ich muss gestehen, ich wurde aus dem Umstand
heraus, dass meine Schwester das Werk bereits erarbeitet hatte und
damit alles andere als zufrieden war, bereits beeinflusst und hatte
gar nicht die Möglichkeit, das Werk neutral zu betrachten. Was mir
allerdings höchstwahrscheinlich nach dem ersten Blick ins Buch
schwer fallen würde: Die Schriftgröße und der Zeilenabstand
erinnerten mich ein wenig an meine Lesefibel aus der ersten Klasse –
gut, das ist etwas überzogen. Aber ich denke ein Zweitklässler wäre
mit der Schriftgröße bereits sehr gut bedient. Wie auch immer. Man
sollte ein Werk niemals auf seine äußeren Werte beschränken –
obwohl es sicher auch nicht gut ist, sich lediglich auf die inneren
Werte zu konzentrieren. Das ist eben das Besondere an meinem Blog:
Ich mache beides. Und ich schweife ab. Mehrmals. Zurück zum Werk:
Im Deutschunterricht habe ich gelernt, dass es bei
Zusammenfassungen von literarischen Werken eine klarer Struktur gibt,
die einzuhalten ist. Ich bin so froh, dass ich mich jetzt bewusst
nicht danach richte. Um kurz die Handlung zu erklären geht es um ein
junges Mädchen, Alina, welches mit ihrer Familie aus ihrer
Heimatstadt Köln wegzieht nach Hamburg. Da sie den Kontakt mit all
ihren alten Freunden beibehalten will, erstellt sie sich auf Anraten
ihres Bruders Ben einen Facebook Account und bleibt auf diese Weise
mit ihren alten Freundinnen in Verbindung. Noch gequält vom
Abschiedsschmerz fällt es ihr sehr schwer in der neuen Klasse in
Hamburg Freundschaften zu schließen, sie zieht sich zurück und
pflegt lieber den Kontakt mit ihren alten Freundinnen. Mit der Zeit
findet sie eine stetig wachsende Freude an dem sozialen Netzwerk und
beginnt ein Verlangen danach zu entwickeln, mehr und mehr facebook
likes zu bekommen. In den Sommerferien kommt sie auf die Idee so
viele Freundschaftsanfragen zu stellen wie möglich. Auch an Leute,
mit denen sie privat gar nicht befreundet ist. Nach relativ kurzer
Zeit bemerkt sie jedoch, dass sie zwar immer Anfragen verschickt,
die meist auch akzeptiert werden, jedoch selbst äußerst selten
Anfragen zugesendet bekommt. Daraufhin fasst Alina den Beschluss,
interessantere Inhalte zu veröffentlichen, indem sie freizügige
Fotos von sich veröffentlicht. Um viele Likes zu erhalten
kommentiert sie ihre Fotos mit Aufforderungen wie „Bei 50 Likes
gibt es ein weiteres Foto!“ Ihr Plan geht auf: Nach wenigen Minuten
gab es die ersten Likes, sowie auffordernde Kommentare von Nutzern,
die sie nicht kennt, mehr Haut zu zeigen. Im Rausch der
Aufmerksamkeit kommt Alina diesen Aufforderungen nach und distanziert
sich immer mehr von ihren alten Freundinnen. Alinas Eltern haben
keine Ahnung, wie sich Alina im Internet darstellt. Dennoch führt
die Isolation immer wieder zu Konflikten mit der daraufhin schlecht
gelaunten Mutter sowie mit dem irritiertem Vater, der jedoch zunächst
davon ausgeht, dass die Fotos auf Alinas PC nicht Alina zeigen,
sondern irgendwelche Models. Nach einer Weile spitzt sich die
Situation immer weiter zu, Alina postet Bilder von sich, in welcher
sie halbnackt lediglich in Unterwäsche bekleidet ist und schmierige
Typen schreiben noch schmierigere Kommentare. Alina fühlt sich in
ihrer Position sehr wohl: Sie hat noch nie Erfahrungen mit
Aufmerksamkeit in diesem großen Stil sammeln können und genießt
es, so viele positive Kommetare zu erhalten. Eines Tages jedoch
kommentiert ein Mädchen aus ihrer neuen Klasse einen hasserfüllten
Kommentar unter Alinas Bild – und dem Kommentar folgen dutzende
weitere von anderen Klassenkameraden. Die Bilder von Alina kursieren
nun in ihrem direkten Umfeld, sie kann sich nicht mehr davor
verstecken: Alle Leute an ihrer neuen Schule werden die Bilder
gesehen haben, wenn die Sommerferien vorbei sind. Auch werden viele
Eltern auf Alinas Bilder aufmerksam und kontaktieren daraufhin Alinas
Lhererin, welche wiederum einen Hausbesuch bei Alina einleitet um die
Situation zu regeln. Alina löscht ihren Facebook account und bekommt
anschließend die Möglichkeit, eine andere Schule zu besuchen. Dort
macht sie dann alles besser, pflegt soziale Kontakte und baut auch
wieder Kontakt zu ihren alten Freundinnen auf. Die Geschichte Endet
mit einem sehr optimistischen Happy End.
Soweit die Handlung (grob angerissen) Ich
persönlich bin davon wenig überwältigt gewesen. Die Hauptlektion
des Werkes sollte wohl sein „Das Internet vergisst nichts“
jedenfalls wird der Satz in dem gesamten Werk etwa 23 mal erwähnt
(Nein, ich habe nicht gezählt. Wer es zählen will… der sollte es
vielleicht lieber lassen und sich stattdessen mit Interessanteren
Dingen beschäftigen..) Daraus ließe sich immerhin eine wichtige
Maxime ableiten: „Poste nichts, von dem du nicht wollen würdest,
dass die ganze Welt es sieht“ dass „das Internet nichts vergisst“
ist eine durchaus wichtige Lektion, die einen davor bewahren sollte,
unsinnigen Stuss oder eben erotisch geladene Inhalte von sich zu
veröffentlichen. Aber durch das Ende, in welchem Alina „begnadigt“
wird und eine „zweite Chance“ bekommt, wird suggeriert dass man
eben doch vor dem Internet weg rennen kann und dass früher oder
später eben doch „Gras über die Sache wachsen wird“ Auch wenn
das ebenfalls stimmt stellt sich doch die Frage, was der Autor mit
dem Ende erreichen wollte. Der Herr Kaster hat hier auf der einen
Seite eine herrlich absurde Situation kreiert, in welcher der fatale
Umgang mit sozialen Medien mehr als nur dramatisiert dargestellt
wird. Die gesamte Situation wirkt ohnehin schon beim Lesen so
unglaubwürdig konstruiert. Als allererstes die Alliteration Familie:
Die mürbe Mutter, der verwirrte Vater, der Bruder Ben und die
abhängige Alina – rund um Facebook-Freundschaften (nun gut, das
ist vielleicht weit hergeholt) und dann die naivität aller
beteiligten, die Überhaupt erst zu dem Desaster führten: Der Vater,
der so naiv ist zu glauben, dass die Fotos auf dem PC von Alina, die
sein Haus und seine Tochter zeigen, ebenso eine fremde Person, die
seiner Tochter nur zufällig sehr ähnlich sieht, in einem fremden
Haus, das seinem nur zufällig exakt gleicht, zeigen könnten. Der
Bruder, den es offenkundig nicht interessiert, dass sich Alina
zunehmend von ihm distanziert und ihm auch die Facebook-Freundschaft
kündigt und die Mutter, die zwar durchaus bemerkt, dass sich Alina
komisch verhält den ganzen tag nur am PC sitzt und allgemein
isoliert, aber dennoch nichts großes dagegen Unternimmt oder
wenigstens Nachforschungen anstellt.
Dann ist da das Problem überhaupt. Die so
drastisch dargestellte Naivität von Alina (obwohl ich langsam
fürchte, dass es derartiges Denken tatsächlich in so manchen Köpfen
gibt), die sich immer mehr für positive Resonanz prostituiert,
Selbstgespräche führt und bei vollem Ernst vor ihrem PC sitzt und
sich sagt: „genau so habe ich es gewollt“ wenn schmierige Typen
mit „GEIL MEHR DAVON“ kommentieren. Algemein lässt sich zu den
Kommentaren unter den Bildern von Allina sagen, dass sie sich nach
einigen Kapiteln allesamt ähneln – Dem Herrn Kaster ist wohl nach
geraumer Zeit einfach nicht mehr Schleim eingefallen (was prinzipiell
für ihn oder zumindest für seine Menschlichkeit spricht)
Und wie bereits erwähnt fehlt der gesamten
Geschichte durch das unrealistische Ende auch noch die Lehre. Anbei
bemerkt ist es wohl zunächst völlig abwegig, dass das Wechseln der
Schule dazu führt, dass alle Aktivitäten vergessen werden. Das
sollte Herr Kaster auch wissen, immerhin hat er selbst mehrmals
geschrieben, dass Personen aus ganz Deutschland die Beiträge von
Alina gesehen haben – und nicht nur die Personen aus Alinas Schule.
Aber stellen wir den Realitätsfaktor mal dahin (was bei diesem Werk
wohl ohnehin bitter nötig ist) und versuchen eine Lehre aus dem Werk
zu ziehen. Da ist auf der einen Seite das Problem: „Das Internet
Vergisst nicht“, was eigentlich darauf hinarbeitet, dass man mit
Vernunft und Vorsicht posten sollte und sich mit den eigenen
Veröffentlichungen irgendwie identifizieren können soll. Sollte man
dennoch einmal etwas unklug gepostet haben, sollte man alles daran
setzen, sich damit zu arrangieren und die veröffentlichungen in ein
besseres Licht zu rücken. Stattdessen entscheidet sich Kaster dafür,
Alina doch abtauchen lassen zu können und lässt sie ein Leben
unbeirrt von ihren Fehlern führen. Für mich persönlich ist das
etwas fragwürdig.
Ebenso fragwürdig erscheint mir überhaupt die
Notwendigkeit des gesamten Werkes als Element des Schulunterrichtes.
Ich vertrete im Allgemeinen die Meinung: „Jedes Stück Schrift hat
seinen Platz.“ Ich glaube aber, dass der Platz dieses Werkes wohl
eher noch gefunden werden muss. Die pädagogischen Inhalte wurden
viel zu klar reagiert. Ich weiß aus erster Hand: Pädagogische Werte
können einen Schüler auf diese Weise gar nicht erreichen.
Jedenfalls nicht die Vielzahl der Schüler, die dadurch angesprochen
wird. Die Idee, dass man sich selbst treu bleiben soll, wird ja
bereits seit hunderten von Jahren in durchaus viel anschaulicherer
Literatur verarbeitet. Zu meiner Zeit in der siebten Klasse haben wir
„Tintenherz“ von Cornelia Funke durchgearbeitet. Klar, das hatte
etwas mehr als 150 Seiten und klar, es hat auch etwas mehr als 5€
gekostet. Dafür war die Lehre auch etwas größer als: „Pass auf
was du tust – obwohl letzten Endes kannste dich immer davor
verstecken“ Was es dieser Unterschied Wert ist, liegt im
schlimmsten Fall wohl in der Begutachtung des entsprechenden
Deutschlehrers.
Abschließend möchte ich betonen, dass sowohl ich
als auch meine Schwester eine Menge Spaß mit dem Werk haben konnten.
Man muss nur alles daran setzen, den so schlecht konstruierten Ernst
aus der Geschichte zu nehmen, wie es nur möglich ist. Spricht man
den Bruder wie einen Macker, die Eltern etwas Sächsisch, die
Lehrerin wie die Böse Hexe des Ostens aus dem Musical „Zauberer
von Oz“ und abstrahiert man die gesamte Geschichte durch beifällige
Bemerkungen dann geht zwar der konstruierte „Sinn“ der Geschichte
verloren – man erhält jedoch im Gegenzug dazu eine furchbar
amüsante Komödie.
Fazit: „Ich habe schon über 500 Freunde!“ ist
ein exemplarisches Beispiel für Schulliteratur, die Schüler
schlichtweg nervig finden. Deshalb, weil es so unglaublich
offensichtlich konstruiert ist, dadurch dass alle Situationen und
Gespräche so leblos naiv gestaltet werden und dadurch, dass der
Bildungsauftrag so fürchterlich offensichtlich plakativ dargestellt
ist. Die ersten Suchvorschläge von Google bei dem Stichwort »Ich
habe schon über 500 Freunde« weisen auf Zusammenfassungen,
Inhaltsangaben und Arbeitsblätter mit samt Lösung. Bei dem oben
bereits angeführten „Tintenherz“ bekommt man als Ergänzung
„Buch“ „Film“ und „Teil 2“ vorgeschlagen.
Bei dem Pizza und Dönerladen hier gleich in der
Nähe bekomme ich für 5€ eine kleine Pizza Salami. Ich behaupte:
Das K.L.A.R - Taschenbuch kann es damit nicht auf sich nehmen.

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